Donnerstag, 30. Juni 2011

Zwischendurch: Give No Voice to the People

"Warum kann ich keine Kommentare posten?" - "Warum kann man bei Dir/Euch nicht kommentieren?" - "Warum können nur registrierte Nutzer kommentieren?" ... Und so weiter. Und so fort. Irgendwie nervig, diese dauernden Fragen. Darum noch mal zum Mitschreiben: Man kann kommentieren. Aber nur als registrierter Nutzer. Warum? Weil ich ehrlich gesagt die große, graue, gesichtslose Masse da draußen gar nicht sooooo furchtbar lieb habe und lieber ein paar Schranken einziehe, die dafür sorgen, dass die Kommentarbox nicht anonym mit Posts wie "geil, Alter" oder "stimmt ja gar nicht, Angel d'Or schmeckt voll super" zugemüllt wird. Dass jedes noch so banale Gewäsch Gehör finden muss, ist ohnehin eine Erfindung des späten 20. Jahrhunderts, die - philosophisch gesehen - so bald wie möglich beerdigt gehört. Wer also wirklich etwas zu sagen hat, der wird sich sicher gerne registrieren - oder zumindest eine mail schreiben, die ich dann gerne hier poste - falls ich sie relevant finde, natürlich. Klingt arrogant? Ist auch so.

Sonntag, 26. Juni 2011

Both's Old Tom Gin

Es heißt, dass vor vielen, vielen Jahren - so ungefähr zu der Zeit, als ein gewisser Jack in Whitehall sein Unwesen trieb - der Aufstieg des Gins zum Volksgetränk in England seinen Höhepunkt erlebte. So ziemlich jeder Gastwirt, der etwas auf sich hielt, betrieb damals eine eigene Destille und verkaufte den daraus gewonnenen Schnaps in seinem Geschäft., dass er von einer einst traurigen Bierkneipe in einen funkelnden "Gin-Palast" verwandelt hatte So kam es, dass Gin damals billiger war als Bier, und es hieß "trink dich blind für einen Penny und trink dich tot für zwei." Dies war übrigens mit die Ursache dafür, dass man in Großbritannien rigide Sperrstunden einführte; denn die Arbeiter des glorreichen neuen Industriellen Zeitalters kamen morgens noch mit einem derartigen Alkoholpegel in die Fabriken, dass die fatalen Bedienungsfehler und schweren Unfälle rapide zunahmen.
 

Der Gin-Boom hatte schon gut 100 Jahre vorher begonnen, mit unterschiedlichsten Wacholder- oder Schlehenbränden verschiedener Güte. Natürlich hatte das Proletariergesöff von damals, aus weiß Gott welchen Ingredienzien abgezogen, wenig mit dem heute käuflich zu erwerbenden Gin gemeinsam, außer, dass er zumindest theoretisch ebenfalls auf der Wacholderbeere basierte. Heute sind die gängigen Sorten beschränkt auf den London Dry (z.B. Gordon's, Beefeater), mit einem trockenen, relativ neutralen Geschmack - inklusive einiger davon abgeleiteter Sorten, in denen die Infusion mit "Botanicals" geschmacklich stärker zur Geltung kommt (Hendrick's, Bombay Sapphire) - sowie des Plymouth Gin. Damals jedoch, als der Sprit aus minderwertigen Zutaten (vielleicht Kartoffeln, Lumpen, Hundekadaver?) bestand, musste man irgendetwas finden, um die Sache zumindest ein wenig trinkbar zu machen und kam auf die Idee, das fertige Produkt mit allerlei Aromastoffen zu strecken, vom Pfeffer über Zimt und Pfefferminze bis hin zum Zucker. In den 1880ern war die allgemeine Qualität des Getränks zwar deutlich besser geworden, trotzdem hielt sich neben dem schon erwähnten London Gin auch eine gesüßte Variante. Diese nannte man "Old Tom", was so viel heißt wie "alter Kater".

Die Sage meint, der Name käme aus den so genannten Gin Lanes, übel beleumundeten Gässchen, in denen sich Ginkneipe an Ginkneipe drängte. Um den Kunden die lästigen Wege zu ersparen (und wahrscheinlich um die Abnutzung des Mobiliars zu reduzieren), sollen die Gastwirte - so heißt es - kleine Figuren von Katzen (Katern?) an den Kneipenwänden angebracht haben, verbunden mit dem Innneren der Spelunke durch eine sinnreiche Konstruktion von Röhren. Der Kunde warf nun seinen Obolus in die Katzenfigur und der Wirt schickte auf dem selben Wege einen Schuss Gin direkt durch die Katze in den Mund des Kunden.

Egal ob man den alten Londonern diese technische Meisterleistung zutraut oder nicht - bis jetzt hat Großbritannien ja noch nicht einmal ein funktionierendes Automobil hervorgebracht - Tatsache ist, dass die Gin Lanes eines Tages verschwanden bzw. geschlossen wurden. Auch der Proletarier konnte sich endlich höherwertigen Stoff besorgen ... so kam dann irgendwann das Ende des Old Tom.

In den letzten Jahren haben sich ein paar Ginproduzenten daran versucht, die Idee eines gesüßten bzw. aromatisierten Gins (diesmal natürlich in guter Qualität und mit nicht per se gesundheitsschädlichen Zutaten) neu zu beleben. Aktuell sind zwei Marken in Sachen Old Tom besonders präsent: Hayman's und Both's




Beide werden übrigens in Deutschland von der selben Firma vertrieben, nämlich der Haromex GmbH, wobei der Both's auch aus Deutschland stammt. Das Etikett und die Aufmachung sind aber den klassischen Old Toms durchaus nachempfunden. Das oben abgebildete Etikett ist übrigens anscheinend aus Filz oder einem ähnlichen Material gefertigt (smoooooth...), die Flasche ist, wie das Label, etwas auf "alt" getrimmt.

Geschmacklich ist der Old Tom tatsächlich sehr individuell, das "trockene" Gefühl eines normalen Gins fehlt ihm fast völlig. Die erste Nase ist süß, scharf, mit einer Anmutung von Anis und Zitrus. Am Gaumen dann Anis, Lavendel, Veilchen - ein sehr "blumiger" Gin. Im Abgang dann viel Süße, aber auch Schärfe. 


Pur finde ich ihn noch etwas scharf, er gewinnt jedoch etwas Weichheit, wenn man ihn ein wenig atmen lässt. Für die Herstellung eines Gin Tonic ist er mir persönlich zu schade, da er in Verbindung mit dem Tonicwasser viel von seiner Einzigartigkeit einbüßt. Ich empfehle ihn in einem klassischen Tom Collins, den ich wie folgt zubereite:

Man nehme 4 cl Both's Old Tom Gin, 2 cl Barsirup (Zuckersirup), 1-2 cl Zitronensaft. Mit drei bis vier Eiswürfeln in ein Collinsglas geben. Verrühren. Mit Sodawasser (Tafelwasser) auffüllen. Viele Rezepte nehmen höhere Anteile Zitronensaft (bis zu 4 cl, dafür meist aber auch 6 cl Gin). Dies ist mir für den Old Tom zu viel, da ich die Süße und Blumigkeit beibehalten möchte.

Schön, dass Gintrinker seit einiger Zeit eine weitere Alternative haben. Der Gin eignet sich hervorragend für die Herstellung individueller Cocktails und Longdrinks. Zum Literpreis von ca. 41 EUR aber auch ein schon etwas exklusiveres Vergnügen.

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 1. Juli 2011. Dann mit einem Bericht von der Brauerei "Het Anker" im flämischen Mechelen


Picture Credits: "Both's Etikett": Hanomex GmbH

Dienstag, 21. Juni 2011

La Mariba Pure (3 yo) / Büchter Rum-Verschnitt

Die Suche nach dem La Mariba Pure im Internet ist wie die Suche nach einem Unbekannten: Keiner kennt ihn, keiner hat ihn gesehen. No se, Senor. Treffer bei Google beziehen sich (Stand Anfang Juni 2011) ausschließlich auf den weißen Rum der selben Marke. Es gibt auch keine erkennbaren Hinweise für "La Mariba Anejo", "La Mariba Braun" bzw. "La Mariba Gold". Trotzdem fand ich den Pure im örtlichen Kaufland, wo er zum Preis von EUR 9,99 angeboten wurde. Dem Anschein nach handelt es sich um einen "goldenen" bzw. "sandfarbenen" Rum aus Nicaragua. Importiert wird er von der Felix Rauter GmbH  in Essen. Diese vertreibt unter anderem auch Branchengrößen wie den Absinth Tabu sowie Tanqueray Gin. Nur zum La Mariba Pure findet sich keine Silbe auf der Website. Lediglich ein La Mariba Oro ist dort erwähnt, jedoch ist der Link dorthin tot. Misterioso. Gab es hier eine Umetikettierung? Ist der Pure neu am Markt?





Da sich auch keine nicaraguanische Website zum Rum findet, gehe ich davon aus, dass es sich hier um eine Handelsmarke der Rauter GmbH handelt, mit einem anonymen Import aus Nicaragua. Der Werbetext verspricht, dass dieses Produkt drei Jahre in Eichenfässern gelagert wurde, wodurch es "sein leicht sandfarbenes Aussehen" erhält, "gepaart mit einem reichen Aroma und weichem Geschmack." Der La Mariba hat eine Trinkstärke von 37,5 Vol. und darf daher gerade noch so eben als Rum firmieren.

Schauen wir also mal, wie er sich im Test so macht ... vielleicht ist er ja was für die Nicaragua-Solidaritätsgruppe. Die Nase ist recht angenehm, wenn auch banal: Barsirup, Zuckerrohr, Zitrus. Der Geschmack jedoch ist ein weiterer Beweis für das Scheitern des sozialistischen Experiments: sehr flepp, nichtssagend, fast wie billiger Tequila oder Cachaca, eine Anmutung von Korn. Im Abgang harsch, Ethanol. Als Mixer definitiv nicht besser. Im Endeffekt ein etwas eingefärbter "weißer" Rum. Und den hasse ich. Meine Testgenossen behaupteten zu fortgeschrittener Stunde, der Rum mache "harthörig". Ich lasse das hier einfach mal so stehen. Vielen Dank für Eure revolutionäre Krtik, Genossen - so sagte man wohl einst im Marxismus-Seminar.

Außerdem getestet: Büchter Rum-Verschnitt. Eigentlich Teil unseres streng geheimen "Was Wermutbrüder trinken"- Projekts ... aber wir mussten einfach einen Kontrapunkt zur Öde des La Mariba finden. Anbieter des handlichen Flachmanns (0,2 l, 38 Vol.) ist die Kornbrennerei Wilhelm Büchter in Castrop-Rauxel (mein alter Lateinlehrer flachste immer, Castrop-Rauxel sei der lateinische Name von Wanne-Eickel). Gebrannt wird alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist bzw. sich in der Nähe einer Supermarktkasse oder in einem Tankstellenshop unterbringen lässt: Wodka Feige, "Finest" Scotch Whisky, Wodka ohne alles, Rum-Verschnitt, letzterer in verschiedenen Trinkstärken. Rum-Verschnitt, recte Flensburger Rum-Verschnitt ist laut Wikipedia eine

Mischung aus Rum, Wasser und Neutralalkohol, die min. 5 % Original-Rum enthält. Alkoholgehalt min. 37,5 % (Angewendet von Flensburger Rumhäusern wie Pott, Balle, Hansen, Asmussen da im 18. Jahrhundert ein hoher Einfuhrzoll auf Spirituosen erhoben wurde – bis heute bei deutschen Rumhäusern gang und gäbe)

Nun denn, also. In der Nase ist Büchters Verschnitt in der Tat sehr aromatisch, so wie man sich einen Rum vorstellt: Melasse, Pflaumen, Trockenobst. Pur in Geschmack und Abgang jedoch sehr scharf, es treibt einem fast die Tränen in die Augen. Als Longdrink mit Cola entfaltet er eine spezielle Gabe: Er lässt die Cola nach Cola Light schmecken! I shit you not - er entwickelt im Mixgetränk einen sehr, sehr unangenehmen Nachbrenner, der an Aspartam erinnert

Zwei Fehlgriffe an einem Abend - damit wollten wir es auch bewenden lassen. Kaufempfehlung für keinen. Wenn ich jedoch unbedingt schnell betrunken werden MÜSSTE, würde ich noch eher zum Büchter-Verschnitt greifen als zum blassen Gespenst aus Mittelamerika.

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 26. Juni 2011. Dann mit einer Verkostung des Both's Old Tom Gin.

Picture Credits: "La Mariba Pure": IB


Sonntag, 19. Juni 2011

Termine Juni/Juli 2011

Lokal / Regional

4. Cocktailtour durch Deutschland (Osnabrück, 8. Juli 2011)
Weinfest auf dem Marktplatz (Osnabrück, 21.-24. Juli 2011)

National
13. Mainzer Bierbörse am Rheinufer (Mainz, 8.-10. Juli 2011)
Duckstein-Festival (Hamburg, 22.-31. Juli 2011)

International

Tilburgs Bierfestival (Tilburg, NL; 26. Juni 2011)
Glynde Food & English Wine Festival (Glynde, East Sussex, GB, 16.-17. Juli 2011)

 Interessante Veranstaltung gefunden? E-mail an uns, bitte!

Donnerstag, 16. Juni 2011

Captain Morgan Private Stock

Captain Morgan ist eine relativ junge Destillerie; sie wurde erst in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts gegründet, allerdings übernahm man damals eine ältere Destillerie auf Jamaika; ebenso - laut Firmenwebsite - ein "uraltes Familienrezept für aromatisierten Rum". Der Firmenname verweist bekanntlich auf den Freibeuter Henry Morgan, welcher im 17. Jahrhundert auf Jamaika und in der ganzen Karibik sein Unwesen trieb. Folglich dominiert das Piratenmotiv auch durchgängig das Marketingkonzept. Die Firma gehört aber mittlerweile zum Diageo-Konzern (Johnnie Walker, Bailey's, Guinness, Tanqueray, usw. usf).

In Deutschland vertreibt die Firma nur zwei Produkte, nämlich den Captain Morgan Spiced Gold, eine so genannte Rumspirituose, da diese den für Rum vorgeschriebenen Mindestalkoholgehalt von 37,5 Umdrehungen nicht erreicht; sowie den Captain Morgan Black Label, der seit der Jahrtausendwende in Trinkstärke 40 angeboten wird, jedoch nicht mehr, wie vorher üblich, als "Overproof" mit 73 %.Vol. Von letzterem besitzt yours truly übrigens noch ein unberührtes, älteres Exemplar, aber pssssst! *

Das Firmenportfolio in den angelsächsischen Ländern ist jedoch deutlich umfangreicher und umfasst Produkte wie Captain Morgan Parrot Bay (ein aromatisiertes Getränk aus weißem Rum), Captain Morgan Tattoo (einen dunklen Rum mit Gewürzen und wahrscheinlich Cayenne-Pfeffer oder Chili), Captain Morgan Silver Spiced (einen weißen Gewürzrum), einen fertig gemixten Long Island Iced Tea, Captain Morgan Lime Bite (wie der Silver Spiced, jedoch mit einem Schuss Limette), den 100 Proof Spiced Rum (Gewürzrum mit 50 % Vol.) und natürlich den hier verkosteten Captain Morgan Private Stock:

Der Rum ist laut Firmenangaben mindestens zwei Jahre gereift; ein Blend verschiedener Captain Morgan-Rums in Trinkstärke 40. Versetzt ist er ebenfalls mit karibischen Gewürzen und Vanille und ich stellte ihn mir bisher als High-End-Variante des Spiced Gold vor. Auf verschiedenen Bar- und Getränkeblogs liest man in Prinzip immer dasselbe: Versprochen wird ein Geruch von Vanille und Gewürzen, milder und weicher Geschmack, eine Note von Früchten, ein erfrischender Abgang und deutliche Vanillenoten, auch Zimt. Der Onlinepreis variiert recht stark zwischen ca. EUR 29,- (allerdings hohe Versandkosten, da Lieferung aus Österreich)  und knapp über EUR 40,-.  Ich selbst habe ihn erstanden bei gourmondo.de, im April 2011, für EUR 34,95 (die Flasche enthält 1,0 Liter). 

Geliefert wird der Rum in einer schön gestalteten, bauchigen Flasche, die an versteckte Piratenschätze erinnert (wie sollte es auch anders sein) und mit einem Korken verschlossen ist. Herstellungsort ist übrigens Puerto Rico, nicht Jamaika.



Der Private Stock hat eine sehr ausgeprägte Nase, geht sehr stark Richtung Vanille (der Barkeeper meines Vertrauens sagt: Tahiti), Pfeffer, eventuell Trockenfrüchte - Pflaume?  Am Gaumen ist sehr viel Vanille, eine feine Süße, aber irgendwie schmecke ich keinen Zimt. Dafür aber einen Hauch von Banane und Karamell. Kaum Schärfe; im Abgang etwas trockener - sollte das der "Zimt" sein, von dem Alle sprechen? Ich sage: dunkle Schokolade, Kakao.


Summa summarum eignet er sich hervorragend zum Purverzehr, es ist ein wirklich, wirklich netter Tropfen, besonders on the rocks. Mit Cola ebenfalls sehr angenehm, auch wenn manche es als Verschwendung ansehen mögen, einen doch relativ teuren und hochwertigen Rum zum Mixen zu verwenden, aber ich halte nichts von Purismus und Dogmatismus dieser Art. Mein Tipp allerdings: beim Hinzufügen von Limette ruhig etwas zurückhalten, damit die übrigen Fruchtaromen noch durchkommen.

* Zum Portfolio von Captain Morgan in Deutschland noch diesen Nachtrag: Anscheinend gibt es Spiced Gold auch vorgemixt mit Cola in der 33er Dose ...


Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 21. Juni 2011, dann geht es um die Verkostung eines Rums aus einer anderen Ecke der Welt und einer anderen Preisklasse, nämlich des La Mariba Pure (3 yo) aus Nicaragua..

Samstag, 11. Juni 2011

Trinken in der Literatur, Teil V

Sinuhes Sklave Kaptah macht ihm wegen seines lockeren Lebenswandels Vorwürfe:

"Wahrlich, Herr, auch ich bin deiner Trunksucht und deines Schweinelebens so überdrüssig, dass der Wein seinen Geschmack in meinem Munde verloren hat, was ich nie für möglich gehalten hätte; ich mag nicht einmal mehr Bier durch ein Rohr saugen (...) Ich muss zugeben, dass es mich anfangs richtig dünkte, dass du Wein zu deiner Beruhigung trankst und ich dich sogar dazu aufforderte und die Siegel immer neuer Weinkrüge erbrach und auch selbst daraus trank. Auch prahlte ich vor den Leuten, indem ich sagte: 'Seht, was für einen Herren ich habe! Er säuft wie ein Flusspferd und verprasst dabei ohne Zögern Gold und Silber und freut sich mächtig des Daseins.' Jetzt aber prahle ich nicht mehr, sondern schäme mich meines Herrn; denn alles hat schließlich seine Grenzen, und ich finde, dass du immer übertreibst. Ich verurteile gewiss nicht einen Mann, der sich betrinkt und an den Straßenecken herumprügelt und sich Beulen am Kopfe holt; denn das ist eine vernünftige Sitte, die bei vielerlei Sorgen große Erleichterung bringt. Ich selbst habe ihr nur zu oft gehuldigt. Aber der Katzenjammer muss auf vernünftige Weise durch Bier und gesalzenen Fisch ausgeglichen werden, worauf man wieder an die Arbeit zu gehen hat, wie die Götter es vorschreiben und der Anstand fordert. Statt dessen aber säufst du, als wäre jeder Tag dein letzter. Ich fürchte, dass du dich zu Tode trinken willst. Wenn dem aber so ist, rate ich dir, dich lieber in einem Weinfass zu ersäufen, weil dies ein rascheres und angenehmeres Ende ist, das keine Schande über dich bringt."

Mika Waltari: Sinuhe der Ägypter

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 16. Juni 2011. Thema dann ist die Verkostung des Captain Morgan Private Stock.

Montag, 6. Juni 2011

Statesman Scotch

Mit den Spirituosen vom Discounter ist es so eine Sache: Bei denen, die lächerlich günstig sind, so wie der Pivolo Bianco bei Netto für 1,29 (ein Vermouth), weiß man schnell woran man ist - in diesem Falle: muffiger Geruch, ebensolcher Geschmack. Ende der Durchsage

Andererseits weiß man ja, dass hinter den ganzen Handelsmarken zum Teil gewichtige Firmen stehen, denen man ja zunächst mal keine Vergiftungsabsicht per se unterstellen möchte. Wie ist es dann also mit der Kategorie, in der der Preis nicht mehr verdächtig sondern nur sehr niedrig ist - lässt sich da etwas finden? Zum Vergleich bietet sich hier mal der Statesman Scotch von ALDI Nord an ... ein echtes Urgestein, möchte ich sagen. Keine Ahnung, wie lange er tatsächlich schon am Markt ist, aber wie viele Male bin ich nicht schon an seiner unaufdringlich-gelben Verpackung vorbeigeschlichen, mit langem Seitenblick und verhaltenem Atem, wie die Freier, die endlos auf dem Straßenstrich herumkurven.




Den Statesman gibt es bei ALDI Nord also für 6,99 die Flasche, wobei zu bedenken ist, dass der rot etikettierte Schlürschluck aus dem Hause Johnnie Wackler schon mit ca.12,99 zu Buche schlägt. Abgefüllt wird der "Glen Aldi" anscheinend bei der Firma Rola aus Niederhatzkofen (was, wie man unschwer erkennt, im schönen Bayernlande liegt). Hergestellt kann er dort nicht sein worden, denn die Flasche weist ihn als Scotch und schottisches Erzeugnis aus. Ansonsten hat die Firma übrigens doch noch so einiges zu bieten, zum Beispiel Wodka Zaranoff oder den Eierlikör von Rückforth. Woher der Statesman nun tatsächlich kommt, dürfte ein wohl gehütetes Geheimnis sein und bleiben: die Destillerien halten sich bei diesen Dingen traditionell sehr bedeckt, selbst im Bereich Single Malts (zu Recht, wie man im Fall des Glen Almond hinzufügen möchte).

Zugesetzt ist Zuckerkulör als Farbstoff, kein Wunder bei drei Jahren Reifezeit ... so etwas wie eine prägnante Nase hat sich gar nicht erst entwickelt. Ich rieche "Süß" und dann ... "Ziegenkäse". Und das war es dann auch schon. Der erste Schluck ist dann ebenfalls süß, hat jedoch wenig Charakter, das Aroma schwer greifbar, jeoch sehr scharf: ein echter Rachenputzer. Im Abgang ebenfalls sehr scharf und nichtssagend.

Positiv zu vermelden ist, dass der Whisky nach ein paar Minuten des Atmens deutlich gewinnt ... zwar nicht an Ausdruckskraft, dafür jedoch an Milde in Geschmack und Abgang. Mein Tipp: gute zehn Minuten ventilieren lassen ... dann schmeckt's schon angenehmer. 

Alles in allem kann ich nicht mal behaupten, dass der Statesman ein übles Gesöff wäre - mir fallen auf Anhieb einige Whiskys (auch höherpreisige) ein, die ich weniger gerne trinke. Für 6,99 bekommt man "etwas", dieses Etwas ist jedoch zugegebenermaßen nicht viel. Es ist dann fatal, wenn jemand in seinem Leben noch niemals einen Scotch getrunken hat, als erstes den Statesman in die Hände bekommt und dann natürlich nicht versteht, warum die Leute gerne Scotch trinken ... aber wenn man weiß, woran man ist, gerade nicht viel Geld im Säckel hat und sich trotzdem einen Whisky gönnen möchte ... warum nicht? Nur Spaß ist halt anders.

Der nächste Beitrag erscheint am 11. Juni 2011. Thema dann ist Trinken in der Literatur, Teil V.

Picture Credits: "Statesman": IB


Donnerstag, 2. Juni 2011

Zwischendurch: Dinge, die ich nie verstehen werde, Teil II

Alkoholverbote zum Vatertag, wie jetzt in Schleswig-Holstein erlassen.

Obwohl - eigentlich verstehe ich es doch: da seit den neunziger Jahren in Deutschland nur noch politisch korrekte, langweilige, weichgespülte, piesepampelige und korinthenkackerische Miesepeter an den Strippen der Macht ziehen, gönnen diese dem niederen Volk auch keinen Spaß mehr und wünschen sich nichts sehnlicher, als Allen den Spaß zu verderben, bzw. den Rest davon zu überzeugen, dass Alles, was auch nur annähernd Spaß machen könnte, von vorneherein verdächtig ist und unter Verbot gestellt gehört.

Hier bei uns in der Hasestadt hat es ja auch unser OB Pistorius geschafft, zusammen mit seinen Kumpels von der SPaßbremsenpartei Deutschlands, den Ossensamstag zu einem zuckerwattesüßen, familientauglichen (mit anderen Worten: langweiligen) Pseudo- bzw. Nicht-Ereignis verkommen zu lassen.

Und ab 2015 wird zum Lachen dann auch in den Keller gegangen.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Barschränke unserer Väter: Trinkkultur der 70er

Als ich für den Text hier recherchierte, stieß ich relativ schnell auf ein nicht zu verschweigendes Problem: Alle, die ich als Trinkzeugen befragen konnte, gehörten - und gehören meist immer noch - einer bestimmten sozialen Schicht an, nennen wir sie mal vorsichtshalber obere Mittelschicht. Natürlich wirkt sich das sehr stark auf die Schilderung der damaligen Trinkkultur aus und ist eventuell nicht wirklich repräsentativ. Aber andererseits ... wen juckt's? Wenn allerdings jemand noch aus anderer Sicht etwas zum Thema beisteuern kann, dann wäre mir das sehr willkommen ... Email an mich reicht.



Also, in den Siebzigern war ich noch sehr klein, deswegen kann ich mich auf meine Erinnerungen nur bedingt verlassen. Mein Vater war im diplomatischen Dienst im Dunstkreis von EU (damals noch EG) und NATO in Brüssel. Ich erinnere mich nur sehr unscharf an die Abende, an denen meine Eltern Besuch hatten und ich und der Babysitter oben an der Treppe saßen und zuhörten, wie die Gäste eintrafen. Irgendwie habe ich so eine Idee von Cocktailkleidchen und dunklen Anzügen ... und unheimlich viel Zigarettenrauch (Dunhill!) ... jedenfalls haben meine Eltern diese Erinnerungen voll bestätigt:

Es war die große Zeit der Haus- und Stehpartys, und zumindest in diesen Kreisen war es üblich, mehrmals im Jahr eine zu geben, etwas entspannter und intimer für Freunde und Nachbarn, relativ formell (Dresscode: Anzug bei Herren, Kleid bei Damen) für Kollegen und Gäste. Es wurde aufgetischt, was Küche und Keller hergaben. Leute wie meine Eltern leisteten sich für die "offiziellen" Veranstaltungen einen Traiteur, sprich Partyservice. Auch wenn es mir ja bekanntlich mehr ums Trinken geht, finde ich diesen authentischen Auszug aus dem Rezeptbuch meiner Mutter sehr spannend; sie beschreibt darin die Teile eines kalten Buffets, welches sie für ein "geselliges Beisammensein unter Freunden", mit ca. 15 Gästen bereitstellte: Hühnersalat, Waldorfsalat, gekochter Schinken mit Krabbenfüllung, Eier mit Lachscreme und mit Currycreme, Birne mit Preiselbeerfüllung, Pfirsich mit Frischkäsefüllung, Käseplatte, Tomatencocktail, Sellerieraspel mit Kassler, Schinkenröllchen (Parma) mit Spargel, Kalbfleisch mit Meerrettichsoße ... und natürlich Brot, Cracker, und so weiter. Meine Herren, ich bin auf die Liste für die "wichtigen, offiziellen" Partys gespannt.

Was das Trinken anbelangte, war es üblich, für die zu erwartenden internationalen Gäste auch internationale Getränke bereitzuhalten: Der Barschrank meines Vaters umfasste in den siebziger Jahren daher ständig folgende Produkte: Gin (Beefeater) für die Briten, meistens im Gin-Tonic; Scotch (Ballantine's) für Briten, alle anderen und für Alltags; Bourbon/Tennessee Whisky (Jack Daniel's Black Label) für die Amerikaner und Canadian Club für ... naja, die Canucks. Weiterhin amerikanischen Wodka (Smirnoff); russischer Wodka war wohl während des Kalten Krieges etwas risqué. Beck's Bier gab es Alltags und auf Partys; die französischen Gäste mochten gerne mal einen Pfälzer Weißwein, angeblich weil die französischen Weißweine der Siebziger mies waren (ich muss mich da auf Berichtetes verlassen - mit Wein kenne ich mich nicht sehr gut aus). Für den Alltag - meine Eltern erzählten mir, sie hätten auch "unter sich" bzw. "chez soi" (wir waren ja in Belgien) jeden Mittag ein Aperitifchen genommen, ein Verhalten, welches heute wohl die Bundesdrogenbeauftragte auf den Plan rufen würde - gab es dann noch als Appetitanreger Campari (mit Orange) oder Americano.

In kleiner Gesellschaft mixte der Hausherr die Drinks (Gin Tonic, Bloody Mary) selbst, in "großer Gesellschaft" wurde dies vom Traiteur (s. oben) miterledigt, der dann in der Regel einen Bartender mitbrachte.

Zur Beschaffung noch zwei interessante Anekdoten: Als Mitglied des Diplomatischen Corps war es möglich, Spirituosen zoll- und steuerfrei einzukaufen. Zu diesem Zweck begab sich mein Vater alle paar Wochen zum damaligen Schiffsausrüster Chacalli (in Antwerpen, der Webseite nach zu urteilen heute eher ein Weinversand) und holte kräftig ein, musste jedoch jedes Mal irgendeine Bescheinigung vom Zoll vorlegen. Warum beim Schiffsausrüster? Nun, weil dieser die im Hafen liegenden Schiffe ebenfalls zollfrei belieferten, mit allem, was der Seemann so brauchte ... "ja, ich nehme dann noch drei Enterhaken, zwei Taue, einen Papageien, eine Augenklappe, vier Entermesser - oh, und eine Kiste Burgunder bitte."


Die andere Anekdote ist, dass das Auswärtige Amt großen Wert darauf legte, dass seine Diplomaten möglichst, auch bei Feiern, die heimischen Produkte promoten sollten. So gab es dann halt Beck's Bier und Pfälzer Wein - das Ministerium übernahm dafür aber auch bis zu 90% des Anschaffungspreises, natürlich auch nur mit Papierkram verbunden, aber immerhin.

In den Achtzigern dann veränderte sich einiges: Die Schultern wurden breiter, die Haare bunter, mein Vater stieg von Ballantine's auf Famous Grouse um, und ich begann mit Alkohol zu experimentieren. Aber das ist eine andere Geschichte

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 6. Juni 2011. Thema ist die Verkostung des Statesman Scotch Whisky (ALDI Nord).

Picture Credits: "Brussels Skyline": PF; "Flandria Haven": Tourismusbehörde Antwerpen.