Samstag, 11. Juni 2011

Trinken in der Literatur, Teil V

Sinuhes Sklave Kaptah macht ihm wegen seines lockeren Lebenswandels Vorwürfe:

"Wahrlich, Herr, auch ich bin deiner Trunksucht und deines Schweinelebens so überdrüssig, dass der Wein seinen Geschmack in meinem Munde verloren hat, was ich nie für möglich gehalten hätte; ich mag nicht einmal mehr Bier durch ein Rohr saugen (...) Ich muss zugeben, dass es mich anfangs richtig dünkte, dass du Wein zu deiner Beruhigung trankst und ich dich sogar dazu aufforderte und die Siegel immer neuer Weinkrüge erbrach und auch selbst daraus trank. Auch prahlte ich vor den Leuten, indem ich sagte: 'Seht, was für einen Herren ich habe! Er säuft wie ein Flusspferd und verprasst dabei ohne Zögern Gold und Silber und freut sich mächtig des Daseins.' Jetzt aber prahle ich nicht mehr, sondern schäme mich meines Herrn; denn alles hat schließlich seine Grenzen, und ich finde, dass du immer übertreibst. Ich verurteile gewiss nicht einen Mann, der sich betrinkt und an den Straßenecken herumprügelt und sich Beulen am Kopfe holt; denn das ist eine vernünftige Sitte, die bei vielerlei Sorgen große Erleichterung bringt. Ich selbst habe ihr nur zu oft gehuldigt. Aber der Katzenjammer muss auf vernünftige Weise durch Bier und gesalzenen Fisch ausgeglichen werden, worauf man wieder an die Arbeit zu gehen hat, wie die Götter es vorschreiben und der Anstand fordert. Statt dessen aber säufst du, als wäre jeder Tag dein letzter. Ich fürchte, dass du dich zu Tode trinken willst. Wenn dem aber so ist, rate ich dir, dich lieber in einem Weinfass zu ersäufen, weil dies ein rascheres und angenehmeres Ende ist, das keine Schande über dich bringt."

Mika Waltari: Sinuhe der Ägypter

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 16. Juni 2011. Thema dann ist die Verkostung des Captain Morgan Private Stock.