Samstag, 28. Februar 2015

Quengelware, Teil I: Chantré NAS (36% Vol.)

Die Idee zu dieser kleinen Serie hatten Plattfuß und ich schon vor vielen, vielen Jahren, als wir diesen Blog aufgemacht haben. Wir wollten uns gezielt in die Abgründe der deutschen Trinklandschaft begeben und uns langsam aber sicher durch die kleinen, handlichen Schnapsflaschen testen, die man landauf, landab für kleines Geld an (fast) jeder Supermarktkasse vorfindet. Seien es Korn, Wodka (mit oder ohne Feige), Weinbrand, Kräuterschluck, Likör oder was auch immer. So lange es in Griffweite an der Kasse steht und in einem Kleingebinde daherkommt, ist es fair game. So weit die Regeln. Was wir aber geändert haben ist der Serientitel. Einst wollten wir das Projekt Was Penner trinken nennen, aber das erschien uns dann doch ein wenig zu stigmatisierend - und zwar für alle Schichten, die an der Kasse gerne mal spontan zugreifen. Und so kamen wir denn auch auf Quengelware, was, wie jedermann weiß, diejenige Ware ist, die am Kassenband ausliegt (Bonbons, kleine Spielzeuge) und die Kundschaft, insbesondere Kinder (daher auch der Name), zum Konsum verleiten soll.

Für die erste Folge habe ich mal spontan zu einem Klassiker gegriffen, der beileibe nicht nur in kleinen Flaschen am Ausgang, sondern seit vielen Jahren auch in Großgebinden in den Barschränken der Bundesrepublik anzutreffen ist. Chantré ist einer der großen, alten Weinbrände, welcher mit einigen großen, alten Namen der deutschen Getränke- und Spirituosenindustrie verbunden ist. Die Marke geht ursprünglich zurück auf den legendären Ludwig Eckes (1913-1984), der die seit dem 19. Jahrhundert bestehende Eckes AG (unter anderem Granini-Fruchtsäfte, hohes C) zu neuen Höhen führte. Viele Jahre lang produzierte die Firma sowohl alkoholfreie Getränke als auch Spirituosen; der letztgenannte Bereich wurde aber am Anfang des 21. Jahrhunderts komplett abgestoßen. Das überseeische Schnaps- und Likörgeschäft ging an einen amerikanischen Investor, die entsprechenden einheimischen Aktivitäten blieben sozusagen "in der Familie", jedoch bei einem anderen Zweig: Die Marke Chantré gehört heute zur Firmengruppe Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH (RMSK), welche sich wiederum zu 58 Prozent in den Händen der Familie Eckes-Chantré befindet. Damit ist auch geklärt, woher der Markenname kommt: Marianne Chantré war die Ehefrau von Ludwig Eckes.

Was sich überhaupt Weinbrand nennen darf, ist durch entsprechende EU-Verordnungen genauestens geregelt. Insofern erspare ich uns hier langwierige Erklärungen; das alles kann man nachschlagen, zum Beispiel hier. Wie man einer ganz nett gemachten Geschichte auf der Homepage von Chantré entnehmen kann ("Dr. Hornemann und das Geheimnis des weichen Chantré") verwendet die Firma für die Herstellung besondere Weine aus der französischen Region Poitou-Charentes sowie aus der Emilia Romagna. Das Brennen und die Lagerung in Eichenfässern erfolgen ebenfalls dezentral und am Ende werden die französischen und italienischen Brände miteinander "vermählt" (verschnitten). Neben dem Standardprodukt bietet Chantré mittlerweile auch einen Cuvée Rouge an, welcher aus Rotwein hergestellt wird. Eine 0,7er Flasche des heute verkosteten Weinbrands kostet im Einzelhandel meistens knapp unter zehn Euro, bei Aktionen teilweise aber auch deutlich weniger.



Art und Herkunft: Weinbrand, Deutschland/Frankreich/Italien

Besonderheiten: -

Aussehen und Aroma: Sehr dunkles Orangebraun. Sehr süß im Geruch. Beerig. Erdbeerquarkdrops oder milder Erdbeerjoghurt. Nur leicht spritige Noten im Hintergrund.

Geschmack: Im Antritt tatsächlich relativ mild am Gaumen. Mildsüßer Geschmack, jedoch nicht sehr ausdrucksstark. Eventuell am ehesten Keksteig oder ähnliches. Ganz dezent schmeckt man im Mittelteil tatsächlich etwas Wein durch. Ölig.

Abgang: Kurz bis mittel, jedoch deutlich schärfer als zuvor.

Fazit/Tipp: Soweit wir es aufgrund unserer geringen Erfahrungen mit Weinbrand beurteilen können, halten wir den Chantré für einen durchaus akzeptablen Vertreter in dieser Preisklasse. Er ist tatsächlich - wie angekündigt - recht weich, allerdings finden wir ihn streckenweise deutlich zu charakterschwach.

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 7. März 2015.

- Tomas Aquinas & Plattfuß

Samstag, 21. Februar 2015

Aultmore 11 J. 2000/2012 McGibbon's Provenance (46% Vol.)

Nachdem ich mir im Internetz mal mehrere Bilder der Aultmore in Keith (zum Beispiel hier) angeschaut habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sich ein Besuch aus rein visuell-ästhetischen Gründen wohl eher nicht lohnt. Wie ich verschiedenen Quellen entnehme - die Brennerei selber hat keine Webpräsenz - ist dies wohl der Tatsache geschuldet, dass sie in den Siebzigern komplett neu gebaut wurde, wobei man auf jeden traditionalistischen architektonischen Anspruch bewusst verzichtete.

Das ist eventuell auch verständlich, denn Aultmore ist eine der unbekannteren Destillerien, die im Endeffekt während ihrer gesamten Existenz dazu bestimmt war, Malts für die Herstellung von Blends zu produzieren und nicht dazu, ein eigenständiges Profil oder Image zu entwickeln. Gegründet wurde sie relativ spät, nämlich erst 1896. Sie hatte in den ersten Jahren öfter mit Auftragsmangel zu kämpfen und musste mehrmals kurzzeitig geschlossen werden. Im Jahr 1923 wurde sie von der Firma John Dewar & Sons (JDS) aus Glasgow erworben. Danach gehörte sie einige Jahrzehnte lang zu DCL und United Distillers, bevor sie am Ende des 20. Jahrhunderts wieder dorthin zurückkam, wo sie (quasi) begonnen hatte, nämlich zu JDS (mittlerweile aber selbst von Bacardi geschluckt). So gehört sie zur selben "Familie" wie Aberfeldy, Craigellachie, MacDuff und Royal Brackla. Es sind dann wohl auch diese Malts, die wir am häufigsten in den Blends von Dewar's antreffen, welche bei uns zwar nicht so bekannt sind, in den USA jedoch sehr oft und gerne getrunken werden. 

John Dewar & Sons haben zur Zeit fünf Blends im Angebot: den White Label (der Brot-und-Butter-Blend), einen Zwölfjährigen (The Ancestor), einen Fünfzehnjährigen (The Monarch), einen Achtzehnjährigen (The Vintage) sowie den Signature, der aus besonders ausgesuchten Malts bestehen soll. Da, wie bereits erwähnt, der Großteil der Produktion von Aultmore in Blended Scotch fließt, gab es bis vor gut zehn Jahren noch nicht einmal eine Originalabfüllung. Dies änderte sich erst 2004, als ein Zwölfjähriger Single Malt auf den Markt kam, welcher heute für knapp unter 60,- EUR über den Ladentisch geht.

Der heute besprochene Elfjährige ist eine unabhängige Abfüllung von Douglas Laing und hat mich online beim Haus am See (dort ist er mittlerweile nicht mehr erhältlich) nur etwa 33,- EUR gekostet. Wie bei McGibbon's Provenance üblich ist auch hier die season angegeben, in diesem Falle der Herbst (autumn). Die offiziellen tasting notes der Firma lauten wie folgt:
nose: toffee, grassy, citric
palate: vanilla toffee, peppery freshness and a softening late oiliness
finish: smoked, subtly spiced with a sprinkle of caster sugar (Anmerkung: Streuzucker)


Art und Herkunft: Single Malt, Speyside (Isla)

Besonderheiten: ungefärbt, nicht kaltfiltriert

Aussehen und Aroma: Sehr helles Gelb mit leichtem Grünstich. Tatsächlich sehr grasig in der Nase, Zitronensaft.  Eine leicht süße Note - aber Toffee? Deutliches Aceton.

Geschmack: Weich und buttrig. Traubensüße im Antritt, prickelnde Schärfe auf der Zungenspitze. Kölnisch Wasser.

Abgang: Mittel bis lang. Wenn Rauch, dann eher Laubfeuer. Nelken?

Fazit/Tipp: Für den guten Preis ein sehr trinkbarer Malt, der durchaus Potenzial hat. Ohne Wasserzusatz ist er mir leider etwas zu duftig bzw. parfümiert. Ein wenig Wasser führt außerdem dazu, dass mehr Vanillearomen durchkommen.

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 28. Februar 2015.

- Euer Tomas Aquinas


Samstag, 14. Februar 2015

Sind so kleine Biere, Teil XXI: Brice vs Franchefleur

Frustrierend. Sehr frustrierend. Über die Brauerei Grain d'Orge im belgischen Hombourg/Homburg (nicht zu verwechseln mit den verschiedenen Homburgs in Deutschland) finde ich im Moment online überhaupt keine selbst eingestellten Informationen. Zwar gibt es eine offizielle Webseite, jedoch ist mir der Zutritt anscheinend verwehrt (der gute alte Error 403). Grrr. Der zur Brauerei gehörige Pub hat ein Facebookprofil, das öffentlich zugänglich ist, allerdings finde ich es für die Recherche auch nicht besonders ergiebig. Was also folgt ist im Wesentlichen aus verschiedenen Drittquellen (französische und niederländische Wikipedia, touristische Seiten) zusammengetragen, daher bitte auch mit Vorsicht zu genießen.

Die Grain d'Orge (orge ist die Gerste, es gibt übrigens auch noch eine gleichnamige französische Brauerei) trägt alternativ auch den Namen Brasserie de Hombourg, nach dem Firmensitz. Wenn die Informationen, die ich gefunden habe, so stimmen, dann wurde sie im Jahr 2002 von Benoit Johnen und Vivian Langhor gegründet. Benoit hatte bereits vorher mehrere Jahre bei verschiedenen Brauereien gearbeitet und die Anlagen mit Ausschank wurden in der frisch gekauften Dorfgaststätte eingerichtet. Seit 2007 ist die Produktion räumlich von der Kneipe getrennt, seit 2008 auch administrativ. Die neuesten mir bekannten Zahlen stammen aus dem Jahr 2012, damals wurden pro Jahr 1360 Hektoliter Bier produziert. Zum Standardsortiment gehören das heute besprochene Brice sowie das Joup (ein rötlich-braunes Bier), La Canaille (ein Weißbier) und La Grelotte (ein Saison).

Darüber hinaus spezialisiert sich Grain d'Orge auf die Herstellung von bières à façon, also Bieren, die im Auftrag von anderen Firmen und Organisationen hergestellt werden. Das heute ebenfalls verkostete Franchefleur gehört auch dazu. Es wird von der Firma Vins & Elixirs de Franchimont (Franchimont ist ein mittelalterliches Schloss bei der Gemeinde Theux, etwa 30 Kilometer von Hombourg entfernt) vertrieben.

Beide Biere standen im örtlichen Supermarkt einträchtig nebeneinander und ich dachte, es wäre mal eine schöne Idee, eine Originalabfüllung und eine Auftragsabfüllung gegeneinander antreten zu lassen - insbesondere weil beide von der Brauart her gleich sind.


Brice (7,5% Vol.)

Art und Herkunft: Blondes/LagerBelgien (Lüttich)

Besonderheiten: Eigentümerabfüllung

Aussehen und Aroma: Ziemlich dunkel für ein "Blondes" und sehr deutlich orangefarben. Trüb. Eine kleine und stabile Krone.  Der Geruch ist leicht säuerlich und frisch. Hopfen. Relativ fruchtig, Aprikose.

Geschmack: Spritzig und feinperlig im Mund. Auch wieder leicht fruchtig. Mirabellen? Blumig.

Abgang: Kurz. Kaum Nachgeschmack.

Fazit/Tipp: Ein sehr trinkbares und erfrischendes Bier ohne unangenehme Überraschungen.


Franchefleur (6,5% Vol.)

Art und Herkunft: Blondes/Lager, Belgien (Lüttich)

Besonderheiten: Auftragsabfüllung

Aussehen und Aroma: Noch etwas dunkler als das Brice. Trüb. Sehr schaumig, große Krone. Sehr fruchtig (Aprikose).

Geschmack: Etwas weniger spritzig im Geschmack aber fruchtig (Mango). Sehr kohlensäurehaltig.

Abgang: Kurz, jedoch trockener als das Brice.

Fazit/Tipp: Ein ebenfalls sehr erfrischendes Produkt. Durch die starke Kohlensäure wird das Aufstoßen durchaus gefördert.

Gesamtfazit: Die beiden Biere sind sich - trotz einiger Unterschiede - insgesamt so ähnlich, dass ich in diesem Fall keinen eindeutigen Sieger nennen möchte. Sowohl Brice als auch Franchefleur eignen sich durch ihre frische Fruchtigkeit als gut gekühlter Drink für schöne Sommerabende.

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 21. Februar 2015.

- Euer Tomas Aquinas


Samstag, 7. Februar 2015

Knockando 12 J. 1999 (43% Vol.)

Als ich gerade dazu ansetzen wollte, diesen Beitrag zu schreiben, musste ich mich erstmal zehn Minuten lang wegen des Namens Knockando beömmeln, weil mir auffiel, dass Knockando auch gesprochen werden könnte als knock and do (klopfen und machen) ... und dann fragte ich mich: Wo klopfen und was machen? Normalerweise bin ich nicht so albern, aber es könnte daran liegen, dass ich gerade eben den Calvados von neulich leer gemacht habe. Aber ich gelobe Besserung und es geht ernsthafter weiter.

Weil ich noch nie einen Knockando verkostet habe, wollte ich eigentlich bei Johannes van den Heuvel nachschlagen, aber ich musste mit Entsetzen feststellen, dass seine Webseite down ist. Da wünsche ich doch schon einmal schnellstmögliche Besserung. Nun wohl, dann schaue ich doch erst einmal bei Michael Jackson (2012) rein. Die Destillerie gehört auch zu Diageo, deswegen hat sie - wie üblich - keine eigene Webpräsenz, sondern nur eine Unterseite bei den Classic Malts. Jackson schreibt über sie:
Knockando ist ein sehr kultivierter Malt und seine Etikettierung ist sehr durchdacht. Dahinter steckt die Idee, den Malt abzufüllen, wenn er reif ist, und nicht mit einem festgelegten Alter. Je nach Abfüllsaison (auf dem Etikett angegeben) lassen sich feine Unterschiede ausmachen ...
Das mit den Jahrgängen (seasons) scheint tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal von Knockando zu sein; auch auf der Verpackung wird deutlich darauf hingewiesen. Ansonsten habe ich vor gut zwei Jahren bei dem Bericht über den An Cnoc bereits erwähnt, dass es zwischen den Brennereien Knockando und Knockdhu durchaus Verwechslungspotenzial gab bzw. gibt (beide wurden auch etwa zur gleichen Zeit gegründet - in den 1890ern - und sitzen beide in der Speyside), so dass sich die Knockdhu vor einiger Zeit dazu entschied, ihre Whiskys nunmehr unter der Marke An Cnoc zu verkaufen, wobei der Name der Destillerie jedoch unverändert blieb. Knockando gehörte früher mal zu Justerini & Brooks, liefert aber auch nach dem Verkauf an Diageo immer noch die Malts für den J&B. Ich habe bis jetzt nur wenige unabhängige Abfüllungen gesehen (Jackson nennt eine von Duncan Taylor) und auch das Portfolio bei Diageo ist zur Zeit recht mager (offiziell angepriesen wird einzig und allein der Zwölfjährige). Allerdings ist er wirklich nicht teuer, denn er ist noch gut für unter 30,- EUR zu bekommen, daher steht er auch auf meiner andernorts bereits erwähnten "Wunschliste".



Art und Herkunft: Single Malt, Speyside (Central)

Besonderheiten: Ungefärbt, Jahrgang 1999.

Aussehen und Aroma: Satte Messingfarbe. Im Geruch sehr viel Getreide: Gerste und Weizen. Traubenmost.

Geschmack: Sehr weich auf der Zunge. Süßes Popcorn, Eiche. Sonst wenig subtil. Einige Schärfe am Gaumen, hauptsächlich im Mittelteil. Honig?

Abgang: Mittel bis lang. Etwas Wein? Trocken und scharf.

Fazit/Tipp: Für den Preis ein sehr gut trinkbarer Single Malt, leider jedoch teilweise etwas scharf, andererseits mit nur wenigen deutlichen Nuancen. Etwas Wasser nimmt ihm die Schärfe, nivelliert den Geschmack aber (noch) mehr.

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 14. Februar 2015.

- Euer Tomas Aquinas