Samstag, 3. November 2012

Irisches Stundenbuch, Teil IV: Michael Collins NAS Single Malt (40% Vol.)

Als ich also im Loop am Flughafen Dublin stand und meine Flasche Greenore in der Hand hielt, wurde mir klar, dass ich Irland nicht nur mit einer einzigen Flasche Schnaps verlassen konnte. Die EU hat ja den definitiven Nachteil, dass man bei Flügen innerhalb der Union nicht mehr zollfrei einkaufen kann wie früher - was einem den Tag natürlich ganz schön verleiden kann - andererseits ist das einzig Gute, dass man auch nicht mehr an die sehr restriktiven Mengenbegrenzungen gebunden ist wie bei Reisen nach Übersee. Mehr als eine Flasche sitzt also auf jeden Fall drin, allerdings muss man das Ganze ja auch noch schleppen und im Flugzeug unterbringen ... aber ich bin ja gottlob verheiratet. 

Es juckte mich sehr in den Fingern, eine Flasche Poteen (oder Potcheen oder Poitin) mitgehen zu lassen, dem irischen Getränk schlechthin. Poteen wurde viele Jahrhunderte lang illegal in kleinen Chargen gebrannt (meistens in kleinen Kupferkesseln, also "Pötten", daher auch der Name), und ist ein fester Bestandteil des irischen kulturellen Erbes und Selbstbildes. Bekannte Volkslieder wie Hills of Connemara künden von der heroischen Arbeit der Schwarzbrenner und ihren Versuchen, den excise men - den Steuereintreibern - zu entkommen. Das klare Getränk wird traditionell aus Gerste oder Kartoffeln hergestellt und erreicht bis zu 90 oder 95 Volumenprozent Alkohol.  Heutzutage gibt es Poteen natürlich legal zu kaufen, leider jedoch nicht sehr häufig, da nur zwei Firmen für die Herstellung eine Lizenz erworben haben: Bunratty (welche ihn jedoch nur in Stärken bis 45% Vol. abfüllt) und Knockeen, in der Originalstärke. Und man hatte mir versichert, am Flughafen gebe es mindestens einen von beiden zu kaufen, wobei mir der Knockeen aus begreiflichen Gründen lieber gewesen wäre. Aber no such luck. Nirgendwo war ein Fläschchen zu erspähen, also brauchte ich halt noch einen weiteren Whiskey.

Da es den Michael Collins auch nicht so oft irgendwo zu kaufen gibt (und gerade nicht in Europa), entschied ich mich für diesen. Der Whiskey ist nämlich deshalb so selten in unseren Breitengraden zu bekommen, weil er für den Export in die USA gedacht ist. Hergestellt wird er für die Firma Sidney Frank, einen der wichtigsten Importeure für Alkoholika in den Vereinigten Staaten (unter anderem Jägermeister) und soll augenscheinlich besonders an die irische Abstammung seiner Kundschaft appellieren ... natürlich auch, weil er den Namen eines der wichtigsten irischen Freiheitskämpfer des 20. Jahrhunderts trägt. So wie es scheint, hat die Firma von den Nachfahren des big fellow die Erlaubnis erhalten, mit seinem Namen, Konterfei sowie - auf der von mir erstandenen Travel Value-Flasche - mit seiner Unterschrift zu werben. Die Flaschen für den amerikanischen Markt weichen aber laut Webseite im Design stark ab. Die "europäische" Flasche ist außergewöhnlich gestaltet und langhalsig. Außer dem hier besprochenen Single Malt, der anders als die meisten anderen irischen Whiskeys nur zweimal destilliert wird, gibt es von der selben Marke auch noch einen Blended Whiskey.


Art und Herkunft: Single Malt, Republik Irland (Cooley)

Aussehen und Aroma: Bernsteinfarben, mit einem leichten Stich ins Orange. Wie nicht anders zu erwarten eher kleine Legs, außerdem nicht sehr viskos. Die Aromen sind reichhaltig mit Vanille, etwas Mokka, eventuell auch ein bisschen Nougat. Der auf der Flasche versprochene Rauch ist jedoch kaum wahrnehmbar.

Geschmack: Zunächst fällt ein sehr leichtes, fast dünnes Mundgefühl auf. Im Geschmack zeigt sich zu Beginn sehr viel Holz, im Mittelteil finden sich dann aber auch deutliche Schokoladennoten sowie eventuell etwas Orange und Vanille.

Abgang: mittellang, mit einer deutlichen Betonung auf mittel, zum Abschluss gibt er noch etwas Wärme ab.

Fazit: Leider nicht ganz billig (38,- EUR im Travel Value), jedoch wegen seiner Seltenheit durchaus ein solider Kauf. Geschmacklich nicht das ganz große Aha-Erlebnis, aber interessant genug. Finger weg, wer kein Bourbonfass mag - es kommt stark durch. Mild und angenehm zu trinken. Praktisch kein Rauch.

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 10. November 2012.

Picture Credits: "Michael Collins Single Malt": TAQ


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