Samstag, 30. Mai 2015

Die Destillerie Radermacher

Rund um den höchsten Punkt Belgiens, die Botrange (stolze 694 Meter über dem Meeresspiegel) liegen die so genannten Ostkantone - das, was unsere Vorväter mit leicht kriegerischem Blick noch "Eupen-Malmedy" nannten ... mit dem selben kriegerischen Blick übrigens, mit dem sie wohl auch "Elsass-Lothringen" sagten. Dieser kleine Landstrich wechselte in den letzten 150 Jahren mehrmals zwischen Deutschland und Belgien hin und her, zuletzt natürlich 1945. Nach dem Krieg wurden die deutschsprachigen Belgier, die dort nun einmal seit Ewigkeiten wohnen, von der Zentralregierung in Brüssel mit Misstrauen, wenn nicht sogar einem gewissen Maß an Feindseligkeit betrachtet und auch behandelt.

Die Föderalisierung des Landes gegen Ende des 20.Jahrhunderts hat jedoch auch der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) in Belgien gut getan und heute erfreut man sich weitgehender Autonomierechte innerhalb des belgischen Staates, mit eigenen Parteien, einem eigenen Parlament, deutschsprachigen Schulen und Kultureinrichtungen und vielem mehr. Die Bewohner werden bei allem kulturellen Selbstbewusstsein übrigens manchmal - nur halb im Scherz - "die letzten echten Belgier" genannt, denn sie sind die einzige Bevölkerungsgruppe in der es - anders als bei Flamen und Wallonen - keine nennenswerten nationalen bzw. separatistischen Bewegungen gibt. Bei einigen persönlichen Gesprächen in der Region wurde mir übrigens öfters diskret zu verstehen gegeben, dass bei einem Zerfall des belgischen Staates (der seit vielen Jahrzehnten vorausgesagt wird, jedoch nie eintritt) das "Beitrittsgesuch" der DG zur Bundesrepublik Deutschland durchaus kein Selbstläufer wäre. Es gibt signifikante Stimmen, die für einen solchen Fall eher den Anschluss an Luxemburg bevorzugen bzw. sich sogar auch einen unabhängigen Staat vorstellen könnten.



Aber genug der politischen Exkurse. Die Ostkantone liegen auf jeden Fall in einer landschaftlich reizvollen Gegend Belgiens und durch die günstige Lage im Dreiländereck mit Deutschland und Luxemburg sowie dem konsequenten Ausbau des Tourismus hat man sich einen ansehnlichen Wohlstand erarbeitet. Die Dörfer und Städtchen sind durchaus schmuck und freundlich anzuschauen und in einem dieser schmucken und freundlichen Orte, nämlich in Raeren, liegt die Destillerie Radermacher, die zu besuchen ich im letzten Spätsommer das große Glück hatte. Gegründet wurde die Firma bereits 1836 und sie befindet sich auch heute noch in den Händen der Gründerfamilie, obwohl die Firmenleitung in den 1980ern quasi eine Generation "übersprang", da der damals verstorbene Lambert Radermacher keinen leiblichen Sohn hatte, sodass das Geschäft nach dem Tod seiner Ehefrau direkt an den Enkel überging. Die Gebäude der Destillerie liegen hinter einem Zaun bzw. einer hohen Hecke versteckt direkt an einer der größeren Straßen des Ortes. Dem Besucher, der schellt, öffnet sich das Metalltor automatisch und gibt den Blick auf schöne alte, weißgetünchte Gebäude frei. Die Produktionsanlagen sind nicht ohne weiteres zugänglich (sofern man nicht an einer Führung teilnimmt) aber ansonsten kann man durchaus ein wenig um die Gebäude streifen, bevor man sich in den Firmenshop begibt, um die umfangreiche Produktpalette des Hauses in Augenschein zu nehmen.


Whisky ist nämlich mitnichten das Hauptgeschäft der Brennerei. Unter verschiedenen Marken bietet man (fast) alles an, was sich mittels Brennblasen überhaupt herstellen lässt: Das beginnt beim Gin und Wodka der Marke 1836, geht über einen "typisch belgischen" Limoncello und endet dann irgendwann beim Kaffeelikör. Bei den Whiskys gibt es außer dem zehnjährigen Single Grain und dem Whiskylikör Smooth auch noch einen Single Cask, einen New Make Spirit und neuerdings auch einen Single Malt ohne Jahresangabe.



Lambertus 10 J. (40% Vol.)

Art und Herkunft: Single Grain, Belgien (Ostbelgien)

Besonderheiten: Reifung in Fässern aus Limousin-Eiche

Aussehen und Aroma: Bernstein, viele dünne Legs. Deutliches Eichenholz. Vanille Kuchenteig. Klebstoff.

Geschmack: Leicht ölig. Zuerst ziemlich samtig am Gaumen, im Mittelteil dann plötzliche Schärfe. Süß. Karamell und Butterkeks.

Abgang: Mittel. Scharfer Nachbrenner. Wenig Bitterkeit.

Fazit/Tipp: Nicht durchgängig weich, jedoch kann er geschmacklich ohne weiteres mit vergleichbaren schottischen Erzeugnissen wie etwa dem Cameron Brig mithalten. 42,- EUR pro Flasche finde ich aber etwas übertrieben. Mit etwas Wasser wird er bedeutend weicher, allerdings kommt dann auch die "typische" Grainbitterkeit deutlicher durch.


Lambertus Smooth NAS (35% Vol.)

Art und Herkunft: Whiskylikör, Belgien (Ostbelgien)

Besonderheiten: keine

Aussehen und Aroma: Dunkler Bernstein. Viel Honig in der Nase. Heidekräuter, Melisse. Leicht metallischer Hintergrundgeschmack.

Geschmack: Sehr süß. Erneut etwas Bitterkeit. Deutliche Noten von Lakritze, Anis und Veilchen.

Abgang: Mittel, wärmend. Gewürze im Nachklang. Nelken?

Fazit/Tipp: Trotz einer sehr ausgeprägten "Blumigkeit" ein gut durchdachter Whiskylikör. Ohne oder mit Eis trinkbar.

Gesamtfazit: Zwei nette Produkte einer netten Destillerie. Obwohl beides unterschiedliche Getränke sind, würde ich dem Smooth klar den Vorzug geben, da mir der Single Grain für den Preis doch etwas kantig wirkt.

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 6. Juni 2015.

- Euer Tomas Aquinas




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