Samstag, 24. März 2012

Der unbekannte Riese: North British

Unser Allgemeinwissen sagt, die am häufigsten anzutreffende Variante des (hauptsächlich schottischen und irischen Whisk(e)ys) sei der Blend, also der Verschnitt mehrerer Whisk(e)ys zu einer mehr oder weniger stimmigen Komposition. Dies ist die Aufgabe der Master Blender (manchmal auch Noses genannt), welche dafür zu sorgen haben, dass das selbe Produkt jeweils auch immer den selben Geschmack und die selbe Qualität aufweist. Dass die genaue Rezeptur in der Regel neben dem Master Blender nur wenigen Personen in einem Betrieb bekannt ist, dürfte wohl ebenfalls kaum überraschen.

Blended Scotch Whisky besteht zum Beispiel - je nach Qualität - aus einem Anteil Malt Whiskys, der zwischen etwa 5 und 70 Prozent liegen kann, wobei Produkte, die mehr als 40% Single Malts enthalten, oft auch als Luxury Blends angesprochen werden: ein Beispiel dafür wäre der Johnnie Walker Blue Label. Den Rest eines Blended Scotch bildet dann Grain Whisky, welcher aus verschiedenen Getreidesorten wie etwa Gerste, Weizen oder Roggen bestehen kann. Während die Lieferanten der Malt Whiskys in der Regel auch als eigenständige Produzenten reüssieren, ist der Grain-Whisky-Markt im Großen und Ganzen recht unbekannt und fristet im Vergleich zum ersteren ein Nischendasein. Es gibt zwar einige bekanntere Single Grain Whiskys (wie etwa Girvan oder Cameron Brig), jedoch ist in den allermeisten Fällen das Endprodukt nur als Bestandteil von Blends von Bedeutung. Angesichts der Anzahl von Blends (von denen es ja auch nicht nur schottische und irische gibt) dürfte es nicht verwundern, dass die Produktion von Grain Whisky ein Massengeschäft ist. Mit Stand von 2012 gibt es zum Beispiel in Schottland zur Zeit ganze sieben Grain distilleries, die zum Teil zu sehr großen Getränkekonzernen gehören; auch die Destillerie Loch Lomond ist eine davon.



Einer der größten, dem Konsumenten in der Regel unbekannten Produzenten ist jedoch North British (Diageo). Die Brennerei befindet sich heute wie schon seit ihren Anfängen im Jahre 1885 in einem Ortsteil von Edinburgh, nahe des Murrayfield-Stadions. Sie wurde von drei Whiskyherstellern gegründet, von denen Andrew Usher Jr. sicherlich der bekannteste ist, denn er war es, der 1856 den ersten Blended Scotch herstellte, nämlich den heute noch erhältlichen legendären Usher's Green Stripe. Der Hintergedanke bei allen drei Investoren war es natürlich, sich von den Lieferungen anderer Grain-Brennereien unabhängig zu machen und sich so den wichtigen Rohstoff für die eigenen Blends dauerhaft zu sichern. Bis 1914 produzierte man bereits etwa 9 Mio. Liter Alkohol pro Jahr, allerdings hatten sowohl die beiden Weltkriege als auch die amerikanische Prohibition extrem negative Auswirkungen auf die Firma, die sich jedoch immer rechtzeitig wieder aus der Affäre ziehen konnte.

Erst in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts kam es durch mehrere Fusionen und Übernahmen zu größeren Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen. North British íst mittlerweile eine 100prozentige Tochter von Lothian Distillers, welche wiederum jeweils zur Hälfte Diageo bzw. der Edrington Group (Cutty Sark, Famous Grouse, Macallan, Highland Park und Brugal [!]). Heute erreicht der jährliche Ausstoß an Alkohol zwischen 65 und 70 Millionen Liter. Die Destillation wird ausschließlich mit Coffey Stills durchgeführt. Auf Nachhaltigkeit und bessere ökologische Verträglichkeit des Herstellungsprozesses wird heutzutage mehr Wert gelegt als früher; die Getreidereste aus den Maischbottichen werden zu Tierfutterpellets verarbeitet und somit einer sinnvollen Verwendung in der Landwirtschaft zugeführt. Laut öffentlich zugänglichen Firmenangaben findet sich Grain Whisky von North British zum Beispiel in Blends wie Johnnie Walker Black Label, Cutty Sark, J&B Rare und The Famous Grouse.

Die Firma vertreibt - anders als Girvan oder Cameronbridge (Verkostung folgt) - keine eigenen Marken, es sind jedoch einige Abfüllungen für Signatory, Cadenhead und Duncan Taylor in den Handel gelangt: Flaschen aus den neunziger Jahren sind im Internet ab ungefähr 50,- EUR zu haben.

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 31. März 2012.


Keine Kommentare: