Sonntag, 4. April 2021

Sind so kleine Biere, Folge CXX: Brasserie 28

Bei der Recherche für heute habe ich mich erst einmal kräftig vertan und bei der falschen Brauerei geschaut ... peinlich peinlich. Aber von vorne: als die Flaschen der Brasserie 28 zum ersten Mal vor uns standen, und ich in Erfahrung gebracht hatte, dass sie zu einer Firma namens Caulier Sugar Free gehören, dachte ich, diese Firma sei identisch mit der Brauerei Caulier aus Péruwelz im Hennegau, von der wir vor vielen, vielen Jahren auf den ersten Bierfesten in Brüssel schon einige (hauptsächlich aus der Reihe Bon Secours) probiert hatten. Aber Pustekuchen: es handelt sich um eine komplett andere Firma, die auch kein Bier unter dem Namen Caulier herstellt, Caulier Sugar Free (CSF) jedoch schon.

Brasserie 28 gibt es - als Bier - auch erst (wieder) seit 2008. Damals entschloss sich der Geschäftsmann Eric Coppieters (Le Pain Quotidien!), eine alte Marke quasi wieder auferstehen zu lassen und finanzierte das ganze über ein Crowdlending. Im Grund genommen ist CSF aber nur eine Marketingfirma, die bis 2017 gar keine eigenen Brauanlagen besaß und das Bier unter ihrer Marke von der Proefbrouwerij herstellen ließ. Aber - diesem sehr interessanten Artikel zufolge - passierte dann etwas sehr Spannendes: Brasserie 28 und die italienische Toccalmatto (Fidenza) gingen ein Joint Venture ein: an und für sich sollten alle Biere dann zunächst in Italien gebraut und gemeinsam vermarktet werden, bis in der Nähe von Brüssel eine zweite Braustätte gebaut worden wäre. Nach einem Facebookpost von 2020 ist daraus wohl (vorerst) nichts geworden; gebraut werden die "belgischen" Biere anscheinend immer noch in Lochristi. Brasserie 28 betreibt eine größere Anzahl von Brewpubs bzw. Gastropubs in Belgien und Italien.

Die große Spezialität der Marke sind Low-Carb-Biere und auch glutenfreie Biere. Sie nimmt für sich in Anspruch, ein Pionier auf dem Gebiet des Low-Carb-Craftbrewing gewesen zu sein und wirbt damit, dass ihre Biere gut 30% weniger Kalorien als vergleichbare Sorten bzw. Produkte haben.


28 Pils (5,3% Vol.)

Art und Herkunft: Pils, Belgien (Hennegau/Ostflandern).

Besonderheiten: Low Carb.

Aussehen und Aroma: Hellgelb und sehr viel trüber als ein "Standardpils". Sehr kleine, flüchtige Krone, unbestimmt fruchtig und getreidig.

Geschmack: Seltsamer Antritt mit hopfig-herben, aber auch fruchtigen Noten (Litschi??). Säuerlicher Unterton.

Abgang: Mittellang und recht trocken.

Fazit/Tipp: Für ein Pils eigentlich "zu fruchtig". Auf jeden Fall ungewöhnlich.


Caulier Gluten Free Blonde (6,8% Vol.)

Art und Herkunft: Blond, siehe oben.

Besonderheiten: Low Carb, glutenfrei. Dieses Bier ist anscheinend mittlerweile ausgelistet und wurde vom 28 Blonde (5,0% Vol.) abgelöst.

Aussehen und Aroma: Goldgelb und klar, aber mit starker "Schlotze" am Boden der Flasche - so wie übrigens bei allen verkosteten Bieren heute. Keine Krone. In der Nase Pflaume und feuchtes Sofakissen.

Geschmack: Säuerlicher Antritt, noch deutlicher als beim Pils. "Weinig", Traubenmost.

Abgang: Mittellang, immer noch so seltsam fruchtig-traubig.

Fazit/Tipp: Unumwunden: dieses Bier hat uns nicht geschmeckt, da sehr weit weg von einem Blond, wie man es sich vorstellt. Vielleicht bei der "Neuedition" besser gelöst?


28 Saison (5,0% Vol.)

Art und Herkunft: Saison, siehe oben.

Besonderheiten: Low Carb.

Aussehen und Aroma: Eine Minikrone und hellgelbes, leicht trübes Bier. Weniger fruchtig als z.B. das Pils.

Geschmack: Wieder säuerlich, viel Hefe, abgelagerter Apfel. Etwas Gewürz, vielleicht Pfeffer.

Abgang: Mittellang, trocken. Nasses Papier.

Fazit/Tipp: Dieser säuerliche Antritt, der sich bis jetzt immer zeigte, ist wohl der Hausstil und ich vermute, dem Low-Carb-Brauprozess geschuldet (?) - das Saison ist allerdings für den angestrebten Stil "stimmiger" als die beiden Vorgänger.


28 Super (9,5% Vol.)

Art und Herkunft: Strong Ale, siehe oben.

Besonderheiten: Low Carb.

Aussehen und Aroma: Dunkles Gold im Auge, Mirabellen in der Nase. Außerdem kräftiges Malz und alkoholische Noten. Eine kleine aber feste Krone.

Geschmack: Streng-süßlich-alkoholisch im Antrunk. Eher wenig Malz und mehr Frucht als gedacht. Warme Ananas, Pizza Hawaii.

Abgang: Mittellang und süßlich.

Fazit/Tipp: Trinkt sich nicht "von alleine". Ein paar Minuten im Glas atmen lassen.


28 Brett (7,5% Vol.)

Art und Herkunft: Sour Ale, siehe oben.

Besonderheiten: Low Carb, mit Brettanomyces-Hefestämmen vergoren.

Aussehen und Aroma: Dunkler Bernstein und kleine feste Krone. Süßliche Nase. Klimaanlage im Flugzeug, wenn man sie das erste Mal aufdreht. 

Geschmack: Auf der Zunge gleichzeitig Säure und Karamell. Deutliche Röstaromen von dunklem Brot.

Abgang: Kurz, etwas Kaffee.

Fazit/Tipp: Das - unserer Meinung nach - bis jetzt am überzeugendsten komponierte Geschmacksbild.


28 White Oak IPA (5,5% Vol.)

Art und Herkunft: IPA/Weizenbier*, siehe oben.

Besonderheiten: Low Carb. *Dieses Bier wurde anscheinend umetikettiert in ein "White Oak", das nunmehr als Weizenbier geführt wird. Daneben gibt es aber im erneuerten Portfolio ein "Nur-IPA" (glutenfrei). Das neue "Weizenbier" hat allerdings die selben Vol. wie das "alte" White Oak IPA.

Aussehen und Aroma: Hellgelb und komplett ohne Schaumkrone. Deutliches Eichenfass in der Nase, viele Früchte wie Grapefruit, Clementine. Marshmallows.

Geschmack: Noch einmal saurer als die anderen Biere, holzig am Gaumen. Viel Kohlensäure (sonst nicht gerade ein hervorstechendes Merkmal von Brasserie 28) und wieder (Pink) Grapefruit sowie Orangenschale.

Abgang: Mittellang, recht trocken.

Fazit/Tipp: Frisch und gut trinkbar, aber wirklich kein typisches IPA.


28 Imperial Stout (12,0% Vol.)

Art und Herkunft: Imperial Stout, siehe oben.

Besonderheiten: Low Carb. Mittlerweile umbenannt in "Stout" - ohne "Imperial".

Aussehen und Aroma: Schwarz mit "klassisch" beigefarbener Krone. Deutliche Röstaromen von Kaffee. Veilchenbonbons, Lakritz, Rotwein.

Geschmack: Sehr rauchiger Antritt, ohne sehr deutliche Süße. Eher herb-trocken. Dunkle Schokolade, Kaffeesatz. Wurstwasser.

Abgang: Lang, immer noch dieser Buchenholzrauch.

Fazit/Tipp: Nicht schlecht, aber recht untypisch für ein Stout. Erinnert an ein einschlägiges Rauchbier.

Gesamtfazit: So richtig warm geworden sind wir mit den Bieren von Brasserie 28 nicht, obwohl ein paar ganz gut gemachte (Stout, White Oak IPA, Brett) dabei waren. Was mich persönlich ein bisschen stört, ist diese seltsame Umbenennungspolitik (als ob man sich nicht ganz sicher wäre, was man nun eigentlich brauen wollte) sowie der säuerliche Einschlag des Hausstils in Bieren, wo ein säuerlicher Einschlag nicht unbedingt willkommen ist.

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 11. April 2021.

Verkostung: Plattfuss, Tomas A.

Text: Tomas A.

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