Samstag, 9. Februar 2013

Bierfestival in Brügge 2013, Folge 1: Einmal kräftig, bitte!

Als wir mit dem Kopf in der kalten, nassen Gosse erwachten, fragten wir uns zum abertausendsten Male, wie es so weit hatte kommen können. In diesem Jahr waren wir noch enthaltsamer gewesen als in den Jahren vorher und hatten nur knapp 64 Biere verkostet. Warum - in Herrgottsnamen - hatte es uns wieder dahingerafft? Denn rein rechnerisch gesehen sind 64 Bier, geteilt durch drei Personen, verteilt auf neun Stunden, nicht besonders viel ... insbesondere, wenn man beachtet, dass der Ausschank in Gläsern zu 0,2 l erfolgt. Rein rechnerisch also eine Gesamtmenge pro Person von vier Liter Bier pro Tag. Okay, okay, nicht gerade wenig. Aber auf vielen WG-Partys wird mehr getrunken. Die Antwort liegt natürlich darin begründet, dass auf den meisten WG-Partys wahrscheinlich Pils gereicht wird, dessen Alkoholgehalt in Deutschland so durchschnittlich um die 5 % pendeln dürfte. Die belgischen Biere sind aber durch die Bank mindestens ein Drittel stärker und schlagen teilweise stark nach oben - in Bereiche um die 8, 10 und 12 Umdrehungen - aus. Und zweitens denke ich, dass es einen Unterschied macht, ob man sich einen Abend lang die deutsche Pils-Einheitsplörre hinter die Binde kippt oder - im Fall des belgischen Biers - auch mal ein wenig Alarm auf den Geschmacksknospen hat, was ja eigentlich auch der Sinn des Ganzen ist.

Und eine sehr schöne Geschmackserweiterung ist es, wie immer, auch tatsächlich gewesen. Wenn ich mir unsere Bewertung (erscheint an dieser Stelle in der nächsten Woche) so anschaue, dann fällt mir auf, dass es in diesem Jahr weniger Ausreißer "nach unten" (also in die Regionen der Ungenießbarkeit) gab als im vergangenen Jahr: entweder ist unser Geschmacksregister noch toleranter geworden oder es waren diesmal einfach mehr Biere dabei, die unserem Gaumen schmeichelten. Auf jeden Fall konstatiere ich am eigenen Beispiel, dass ich selbst Kreationen wie dem Cookie Beer von Ecaussinnes nicht gleich eines mit der Wertungskeule überbrate, obwohl der Geschmack - seien wir ehrlich - wirklich etwas gewöhnungsbedürftig sein kann. Das einzige, womit ich weiterhin so meine Probleme habe, wie sich zeigte, sind rauchige bis torfige Biere wie das Peated Oak Aged von De Dochter van de Korenaar aus 2012 oder das diesjährige Oakey Monkey Whisky Stout von Brouwers Verzet. Sorry, ich liebe Whisky und Bier, aber beides sind - meines Erachtens - Dinge, von denen der Herrgott nicht gewollt hat, dass sie miteinander vermischt werden.

Ansonsten war das Event mal wieder sehr schön organisiert, wenn auch leider die Preise etwas angezogen haben (wobei ich den Standardpreis von 1,50 EUR pro Glas immer noch akzeptabel finde) und somit auch mal wieder ein dickes, fettes Lob an die Veranstalter der BAB. Es ist schön zu sehen, wie viel Herzblut und Liebe zum Detail jedes Jahr in das Festival investiert wird, Kompliment. Subjektiv empfunden waren es dieses Jahr mehr Besucher, ich fand die Menge aber wiederum nicht unangenehm ... man kam noch gut durch.

Bild: TAQ

Wie oben schon angekündigt, hier noch ein paar Worte zur Wertung, die hier an dieser Stelle am 16. Februar erscheint. Wie üblich konnten alle drei Redaktionsmitglieder zu jedem Bier zwischen -2 und +2 Punkten vergeben. Zur Einordnung: die Vergabe von  "0" Punkten ist quasi die neutrale Wertung, sprich: ein Bier, welches einem nicht weh tut. Da die Punkte aller Tester abschließend addiert bzw. subtrahiert werden, bedeutet dies natürlich, dass bereits eine abweichende Bewertung die Gesamtwertung des Bieres positiv oder negativ beeinflussen kann. Insofern ist es sinnvoll, sich nicht nur die Gesamtwertung eines Bieres anzuschauen sondern auch besonders darauf zu achten, wer welches Bier wie beurteilt hat. Wenn man sich nun die anderen Wertungen des selben Testers ansieht, gewinnt man ein Gefühl dafür, welche Biere er bevorzugt (dunkle Biere, Fruchtbiere, Tripel, ...?) und erst daraus ist gegebenenfalls eine Empfehlung für sich selbst (in Anbetracht des eigenen Geschmacks) abzuleiten.

Ich sage das deshalb, weil ich beim Ausrechnen der Gesamtwertung festgestellt habe (ohne die Ergebnisse vorwegzunehmen), dass man diese so interpretieren könnte, als ob wir die eher dem Massengeschmack entsprechenden Biere den in Handarbeit bzw. nach traditionellen Rezepturen entstandenen Bieren vorziehen würden. Nein. Natürlich befürwortet die Redaktion als Ganzes gerade die Produkte, welche möglichst auf traditionelle Art hergestellt wurden. Allerdings hat ein gutes handwerklich gebrautes Bier eben auch meistens einen sehr ausgeprägten Charakter ... und da die Geschmäcker verschieden sind natürlich auch eine größere Chance, nun genau dem Geschmack eines einzelnen Testers eventuell doch zuwiderzulaufen.

Verpflegt hat sich die Red. dieses Jahr mal wieder hauptsächlich mit Fritten nebst Beilagen. Unsere offizielle Empfehlung geht in dieser Kategorie an das Casa Patata am Rozenhoedkaai Nummer 6. Und eine ernste gastronomische Verwarnung geht an De Belleman Pub in der Jozef Suveestraat, dafür, dass sie "nichtsahnenden Touristen" ein Tripel vorsetzen und behaupten, dass es Geuze ist. Beim nächsten Mal gehe ich über so etwas nicht stillschweigend hinweg; Ihr wurdet gewarnt.


Samstag, 2. Februar 2013

Bell's Special Reserve NAS (40% Vol.)

Die heutige Verkostung beginnt mit einem jungen Mann. Er ist froh, seine erste Stelle ergattert zu haben, und sei es auch nur bei einem kleinen Handelskontor in der Stadt Perth, an den Ufern des Tay. Die Firma, in der er angestellt ist, handelt mit zwei der begehrtesten Güter in Schottland und Großbritannien, nämlich Tee und Whisky. Wir schreiben das Jahr 1837, der junge Mann heißt Arthur Bell und er ist als Handlungsreisender angestellt. Seine Aufgabe: so viel wie möglich von den oben erwähnten Produkten an den Mann bringen, sei es an die Einzelhändler, sei es an private Abnehmer.

Der junge Mann macht sich bald so gut, dass er nach etwas mehr als zehn Jahren nicht mehr Angestellter, sondern Partner der Firma ist. In dieser Zeit kommt er auf eine Idee, die für seine weitere Laufbahn noch sehr wichtig sein wird, nämlich den Malt Whisky, den er hier und da aufkaufen kann, nicht pur weiterzuverkaufen, sondern zunächst noch etwas zu veredeln. 

Die damaligen Single Malts waren mit den heutigen nicht zu vergleichen; kaum jemand konnte die harschen Tropfen pur vertragen. So begann Arthur Bell in den 1850ern, verschiedene Malts und Grain Whiskys miteinander zu kombinieren (bzw. kombinieren zu lassen), um ein für den Durchschnittsgeschmack genießbares und gefälliges Produkt zu erhalten. Damit war er so erfolgreich, dass er dies später in größerem Stil und ganz auf eigene Rechnung fortsetzte, zusammen mit seinen Söhnen, nachdem er mit Ihnen zusammen im Jahre 1895 endlich eine eigene Firma gegründet hatte. Es blieben ihm noch fünf Jahre seines Lebens, um den Aufstieg des Geschäfts mitzuerleben. Ab 1904 wurde der Firmenname zum Markennamen.

Tatsächlich gehörte die Firma Arthur Bell & Sons zu den ersten, welche mit dem Blending von schottischen Whiskys zu kommerziellen Zwecken experimentierten. Heutzutage ist die Firma leider nicht mehr in Familienbesitz sondern gehört über mehrere Umwege zu Diageo. Die Blends sind sehr bekannt und sie tauchten besonders in den 60ern und 70ern in einer bestimmten Art von Filmen bzw. Büchern auf, wo sie meistens von langhaarigen Playboy-Fotografen-Detektiven-Fotomodellen (die Art von Personen der Popkultur, von denen Austin Powers eine Karikatur ist) getrunken wurden. Wenn ich mich recht entsinne, führte Jerry Cornelius, der androgyne Superspion, immer eine Flasche im Handschuhfach seines Duesenberg mit sich. Der Blended Scotch von Bell's gehört zu den meistverkauften Whiskys in Großbritannien.

Das Portfolio von Arthur Bell & Sons wurde vor einiger Zeit bereinigt und modernisiert und umfasst heute im wesentlichen den Bell's Original Blended Scotch Whisky sowie den hier verkosteten Special Reserve, der allerdings keine Grain Whiskys enthält. Nach dem, was an Informationen frei verfügbar ist, sollen Malts aus verschiedenen Brennereien des Mutterkonzerns enthalten sein, einer der Lead Whiskys ist anscheinend Blair Athol (die erste Brennerei, die von der Firma Bell aufgekauft wurde, im Jahr 1933). Infrage kommen weiterhin Brennereien wie Glenkinchie, Lagavulin, Caol Ila, Dufftown. Keiner der Whiskys soll jünger als acht Jahre sein.


Art und Herkunft: Blended Malt, Schottland (Lowlands, Highlands, Islay, Speyside)

Aussehen und Aroma: Farblich eher erwartungsgemäß, dunkler Bernstein. Sehr wenig in der Nase, relativ blumig. Keine Höhepunkte.

Geschmack: Im Antritt überraschend salzig, dann folgt eine milde Süße mit ebenfalls floraler Note. Sehr deutlich tritt im Mittelteil Schärfe dazu, leider weniger eine würzige als vielmehr eine alkoholische Schärfe. Deutlich zeigt sich zum Ende hin Bitterkeit, die ich normalerweise eher mit Blended Scotch (von den darin erhaltenen Grain Whiskys) assoziiere.

Abgang: Kurz und eher fade. Ohne Überraschungen.

Fazit: Ein Blended Malt, der wie ein Blended Scotch schmeckt. Kurios. Woher das wohl kommt? Eventuell gleichen sich die Whiskys der verschiedenen Regionen aus, so dass keiner die Oberhand gewinnen kann? Oder der Master Blender hat es etwas zu gut gemeint mit der Massentauglichkeit. Kein wirklich schlechter Whisky, aber für mich persönlich einfach zu langweilig. Wen's nicht stört: etwa 16,- EUR, was preislich schließlich nicht sooooo schlecht ist.

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 9. Februar 2013. Dann wahrscheinlich mit dem ersten Bericht zum Bierfest in Brügge, wo wir dieses Wochenende sind.


Donnerstag, 31. Januar 2013

Zwischendurch: The Shape of Things to Come, Part II

Zum zweiten Mal bricht die Redaktion zum Bierfestival in Brügge auf. Wir freuen uns auf viele Biere, unsere Verkostungsnotizen sind auch vorbereitet (s.u.) ... man sieht sich!

Bild: TAQ