Sonntag, 13. September 2020

Sind so kleine Biere, Teil CVII: Neuzeller Klosterbräu

Schon die zweite "Klosterbrauerei" innerhalb weniger Wochen ... suspekt, suspekt. Aber reiner Zufall natürlich und auch aus einer ganz anderen Ecke des Landes.

Neuzelle bzw. das Kloster Neuzelle gibt es bereits seit dem Mittelalter in der Lausitz. Mönche wohnten hier zwischen 1817 und 2017 zwar nicht, seit ein paar Jahren ist aber wieder eine kleine Gemeinschaft (österreichischer) Zisterzienser vor Ort. Die Klosterbrauerei Neuzelle (der Shop hat übrigens eine komplett andere Webseite) hat in ihrer heutigen Form nichts mehr mit dem Kloster an und für sich zu tun, bezieht sich aber natürlich auf die Tradition der ehemaligen Klosterbrauerei, die seit 1589 auch zu gewerblichen Zwecken Bier brauen durfte. Seit 1992 befindet sich die (neue) Brauerei wieder in Privatbesitz, während sie zu DDR-Zeiten natürlich ein VEB war.

Viel interessanter finde ich persönlich jedoch, dass eines ihrer Produkte, der Schwarze Abt (den wir heute auch verkosten), Gegenstand des so genannten "Brandenburger Bierkriegs" Anfang des 21. Jahrhunderts. Die Brandenburger Landesregierung bestand darauf, dass dieses Schwarzbier, welches traditionell mit Zuckerzusatz gebraut wurde und wird, nicht unter dem Namen "Bier" verkauft werden dürfe, weil es laut Deutschem "Reinheitsgebot" verboten ist, einem Bier Zucker zuzusetzen. Glücklicherweise gewann die Klosterbrauerei Neuzelle 2005 letztinstanzlich den Rechtsstreit; ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Sieg übrigens für mich und alle anderen Bierfreunde, die das "Reinheitsgebot" als völlig überflüssiges Relikt aus uralter Zeit betrachten.

Außer dem Schwarzen Abt hat Neuzeller noch einige andere - teilweise recht urige - Bierspezialitäten im Angebot; wir haben einfach mal querbeet bestellt und neulich an einem der letzten wirklich heißen Tage in Plattfuss' Gartenlaube verkostet.


Spargel Bier (sic!) (4,8% Vol.)

Art und Herkunft: Spezialbier, Deutschland (Brandenburg).

Besonderheiten: Mit Spargelsaft. Deppenleerstelle auf dem Etikett.

Aussehen und Aroma: Hellgold und klar. Mittlere Krone. Der Spargel kommt nur ganz dezent in die Nase. Mineralisch. Sommer im Freibad.

Geschmack: Spritziger Antritt. Erdig. Spargel jetzt auf der Zunge deutlicher, aber dezent. Leicht salzig.

Abgang: Kurz.

Fazit/Tipp: Wenn man weiß, dass Spargel drin ist, schmeckt man ihn auch durch. Wenn man es nicht weiß, könnte man auch an ein "kartoffeliges" Aroma denken. Alles in allem ganz zischig und gut trinkbar.


Schlaubetaler Landbier (4,8% Vol.)

Art und Herkunft: Lager, siehe oben.

Besonderheiten: -

Aussehen und Aroma: Etwas dunkler als das "Spargel Bier", große Krone. Wenig zu erriechen. Getreide. Frische Landluft. Bauernhof.

Geschmack: Etwas flacher und unerwartet herber Antritt. Der zweite Schluck ist süßlicher, aber ansonsten unauffällig.

Abgang: Mittellang und recht trocken.

Fazit/Tipp: Kein schlimmes Bier, aber auch keines, von dem ich unbedingt eine zweite Flasche haben müsste. Relativ langweilig.


Anti Aging Bier (sic!) (4,8% Vol.)

Art und Herkunft: Dunkles Spezialbier, siehe oben.

Besonderheiten: Multiple Deppenleerstellen auf dem Etikett. Das AAB basiert auf dem so genannten Badebier, welches auch für die Haarwäsche verwendet werden kann und wohl auch wird. Zugesetzt sind Solewasser, Spirulina (eine Algenart) sowie Quercetin.

Aussehen und Aroma: Dunkelbraun, mittlere Krone. In der Nase malzig, metallisch, dumpf. Hagebutte.

Geschmack: Bitter und unglaublich flepp. Wie alter, abgestandener Kaffee, aber würziger. Flüssiges Hustenbonbon.

Abgang: Mittellang und bitter.

Fazit/Tipp: Für mich persönlich geschmacklich ein Totalausfall. Mit diesem Bier möchte ich definitiv nicht alt werden.


Seelsorger (4,8% Vol.)

Art und Herkunft: Pils, siehe oben.

Besonderheiten: -

Aussehen und Aroma: Hellgolden mit großer Krone. Geruchlich völlig unauffällig.

Geschmack: Kräftige Kohlensäure. Frisch, leichter Metalltank. Feinhopfig.

Abgang: Kurz und schmerzlos.

Fazit/Tipp: Ein erfrischendes, aber in keinster Weise aufregendes Pils. Nach dem Anti Aging Bier (sic!) eine Labsal für die geschundenen Geschmacksknospen.


Neuzeller Bock (6,2% Vol.)

Art und Herkunft: Bockbier, siehe oben.

Besonderheiten: -

Aussehen und Aroma: Bernsteinfarben, kleine Krone. Sanfte und süße Malzaromen. Tortenboden.

Geschmack: Sanfter An-Tritt mit einem sehr süß-karamelligem Nach-Tritt. Leicht blumig.

Abgang: Mittellang und immer noch süßlich.

Fazit/Tipp: Gut trinkbar; gottlob kein "Heavy-Bock".


Stout Beer 1722 (8,1% Vol.)

Art und Herkunft: Imperial Porter, siehe oben.

Besonderheiten: Bei der Klosterbrauerei Neuzelle scheint man sich nicht sicher zu sein, ob man ein Porter oder ein Stout gebraut hat. Gut: beide Bierstile sind eng miteinander verwandt. Verwirrend bleibt es dennoch.

Aussehen und Aroma: Schwarz, kleine beige Krone. Leicht röstmalzig, leicht metallisch, sonst nix.

Geschmack: Ein bisschen Kaffee, ein bisschen Schokolade, ein bisschen bitter, ein bisschen süß. Aber vollmundig.

Abgang: Mittellang, süßlich.

Fazit/Tipp: Schmeckt eher wie ein harmloses Malzbier, daher Vorsicht bei der Dosierung! Gefährlich leicht zu trinken. Erinnert mich vom Geschmack her ein wenig an das (deutlich weniger alkoholische) Sweetheart Stout von Tennent's

Gesamtfazit:
  • Top - Spargel Bier (sic!)
  • Flop - Anti Aging Bier (sic!)       

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 20. September 2020.

Verkostung: Jan B., Plattfuss, Tomas A.

Text: Tomas A.


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