Montag, 11. Juli 2011

Der Härtetest zum Wiegenfest, Teil II: Rum, Sodomy, and a Dash of Lime

(Fortsetzung vom 6. Juli) Schauen wir uns die Rums an. Am ersten Abend hatte ich den Caribbean Spiced und den El Dorado an den Start gebracht. Der Caribbean Spiced kommt in einer ungewöhnlichen Steingutflasche. Seine Farbe erschreckte mich erstmal sehr, da sie mich in ihrer Helligkeit an den La Mariba Pure erinnerte. Das Aroma war auch zuerst undefinierbar, ich einigte mich dann auf Gummibärchen. Am Gaumen dann aber eine sehr große Überraschung: Hier kommt der Begriff Gewürzrum endlich einmal zur Anwendung: Ich schmeckte Muskatnuss und Pfeffer. Im Abgang sehr schön mild. Als Cuba Libre gut zu gebrauchen (mit der Limette sparen!), im Abgang dann mehr Vanille und immer noch Pfeffer. Leider kam der Caribbean Spiced Gold bei den meisten Gästen nicht so gut an, das ungewöhnliche Aroma wurde eher bemängelt als gelobt. So kann es halt auch mal gehen, ich kann dem Produkt dennoch eine gute Note ausstellen. 

Der El Dorado allerdings traf den Publikumsgeschmack auch um Längen besser, er ist ebenfalls ein sehr schönes Getränk. Sehr aromatisch, mit deutlichen Anklängen an Vanille und Zimt, entwickelt er einen intensiven Geschmack nach Nuss und Vanille. Im Abgang ist er schärfer als der Caribbean Spiced, hat aber auch eine gewisse Pfeffrigkeit. Als Teil eines Cubata (auch hier wieder wenig Limette, bitte) ganz vorzüglich, sehr mild und mit ganz dominanter Schokoladennote. Absolute Kaufempfehlung. Im Handel nicht viel teurer als ein Captain Morgan Spiced Gold, allerdings deutlich hochwertiger

Zum Schluss des ersten Partyabends kam dann noch der Tabu Strong auf das Parkett. Er ist im Geschmack, wie nicht anders zu erwarten, viel radikaler als sein kleiner Bruder, der Classic. Rechtlich gesehen ist der Strong auch wegen des hohen Thujongehalts kein Absinth sondern eine Bitterspirituose. Aufgrund des Anisanteils tritt beim Ansatz mit Eiswasser auch der erwartete Louche-Effekt auf. Wir verzichteten auf das von findigen Tschechen erfundene Ritual mit Löffel und Feuer, sondern mischten den Absinth klassisch mit Würfelzucker durch Ablöschen mit Eiswasser. Die enthaltenen Wermutkräuter machen den Tabu Strong selbstverständlich sehr bitter - und dies war für ihn auf der Party auch leider der Todesstoß. G. verweigerte nach wenigen Schlucken die Fortsetzung des Experiments und auch die herbeigeeilten Herren nuckelten eher lustlos an den Resten herum. So blieb es yours truly überlassen, sich zumindest noch einen weiteren Absinth hinter die Binde zu kippen. Nicht mitgebracht hatte ich den Finsbury Gin (einer der Standard London Drys, angenehm aber nichts überraschendes) und den Smirnoff Red Label, den ich durchaus sehr akzeptabel fand, obwohl ich mir aus Wodka nicht viel mache. Langsam verwandelte ich mich durch das Einfüllen der verschiedenen Alkoholika gegen 01:00 in mein beliebtes Zombie-Alter Ego, so dass ich mich an den anregenden Gesprächen und überraschenden Verbandelungen nicht mehr beteiligen konnte. Der Morgen fand mich dann seltsamerweise dahingestreckt auf dem Bärenfell vor dem Kamin

Es spricht für die Qualität der Getränke, dass ich nicht auch nur einen Hauch von Kopfschmerz verspürte, nur einen gewissen Weltschmerz, gepaart mit dem Gefühl, von einem Bus überrollt worden zu sein. Den Sailor Jerry hatten wir uns für den zweiten Abend aufgespart, so dass wir uns ihm wieder frisch und guten Mutes widmen konnten. Das Treffen begann dann auch mit einer Rückschau des vorigen Abends (inklusive der tatsächlichen oder nur erdachten Kopulationen) sowie dem Vernichten der Essens- und Getränkereste. Sailor Jerry Rum besticht zunächst durch die niedliche Aufmachung der Flaschenlabels (Tätowierkunst nach Art von Sailor Jerry eben, auf der Rückseite des Etiketts enthült sich, nachgerade der Flüssigkeitspegel sinkt, eine weitere charmante Überraschung), dann durch das volle und reiche Vanille- und Aprikosenaroma. Im Geschmack dann viel Vanille, im Abgang eher trocken als süß. Sehr weich, rund. In Prinzip ähnlich dem Captain Morgan Spiced Gold, jedoch etwas weniger künstlich und runder im Geschmack. Insgesamt war dann auch die Nachfeier so etwas wie ein zweiter Partyhöhepunkt, relativ verschwommen war mir am Ende des langen Tages nun doch auch wieder zumute:


Insgesamt möchte ich, wegen seiner herausragenden Qualität, den El Dorado als "Gesamtsieger" beider Abende sehen. Der Tabu Strong rangierte in der Beliebtheitsskala deutlich am anderen Ende der Skala, allerdings halte ich ihn, wie schon angedeutet, für ein verkanntes Genie, das aber Potenzial hat.

Der nächste planmäßige Beitrag erscheint am 16. Juli 2011. Dann mit der Verkostung des Myers's Original Dark Jamaica Rum.
Picture Credits: "Where the Streets Have No Name": PF

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